Neue Gedenk-Stele am Kurkölner Platz
In der Sichtachse zum ehemaligen jüdischen Kaufhaus Lenneberg steht seit Anfang Juli am Kurkölner Platz ein Kunstwerk. Bei der Einweihungsfeier hieß es: „ein Aufsehen erregendes Zeichen, ein wichtiges Ausrufezeichen – modern, dynamisch, ungewöhnlich und auffällig.“
Es handelt sich um eine von Schülerinnen und Schülern (heute kürzt man das mit „SuS“ ab) geschaffene Stele. Ihre Erschaffung und Aufstellung ist der zweite Teil der Aktivitäten der Initiative „Jüdisches Erbe in Olpe“ – nach dem ersten Teil, der Stolpersteinverlegung im Februar.
Die Stele fordert uns heraus: zu Diskussionen, zum Hinterfragen, zum Befassen mit unserer Geschichte. Die SuS wollen mit ihr Interesse wecken und neugierig machen. Das ist ihnen gelungen.
Jeder Person, die sie sieht, wird beim Betrachten etwas anderes in den Sinn kommen, so, wie das halt bei abstrakten Kunstwerken ist. Ich möchte hier von meiner eigenen Wahrnehmung und Assoziation berichten – und bin mir darüber im Klaren, dass meine Sicht bei manchem Widerspruch hervorruft.
Zwei aus Beton gestaltete Stränge winden sich umeinander, sind zwar mit zwei Streben verbunden, aber entwickeln sich und streben in eigener Kraft nach oben. Gemeinsam ist ihr Ursprung, der runde Sockel.
Einige Schüler sprachen von der Harmonie zweier nebeneinander bestehender „Kulturen“. Mir hat das nicht gefallen. Zu welcher „Kultur“ gehört ein deutscher Jude? Zur deutschen? Zur jüdischen? Kann man das trennen? Zu welcher Kultur gehören dann die Juden, die die deutsche Kunst- und Geistesgeschichte von der Malerei über die Bildhauerei bis hin zu Theater, Literatur, Musik und Naturwissenschaft maßgeblich mitgestaltet haben? Ohne Google zu fragen fallen mir da spontan ein: der Dichter Heinrich Heine, der Komponist Felix Mendelssohn-Bartholdy, der Dramatiker und Schauspieler Max Reinhardt, die Filmemacher Fritz Lang und Ernst Lubitsch, der Maler Max Liebermann, der Physiker Albert Einstein.
Viel schneller kam mir beim ersten Betrachten der Stele die Assoziation: Hier sehe ich zwei Religionen, die einem gemeinsamen Sockel, Ursprung, Grund entspringen. Nicht von ungefähr spricht man ja von den „abrahamitischen“ Religionen Judentum, Christentum und Islam. Alle drei monotheistischen Religionen sehen ihren Urvater in der Person des Abraham/Ibrahim.
Der Begriff „Abrahamitische Religionen“ ist umstritten. Man muss nur den Wikipedia-Artikel dazu lesen. Aber mir gefällt diese Vorstellung einer gemeinsamen Wurzel: „Sei ein Mensch!“ lautet der Schriftzug auf dem Sockel. Daraus entspringend: das gemeinsame Streben auf je anderen Wegen nach oben, zu Gott.
Diesen Text habe ich einem befreundeten Juden zu lesen gegeben und ihn um seine Sicht gebeten. Seine Antwort zeigt das, was ich oben beschrieben habe: Jeder und jedem „wird beim Betrachten der Stele etwas anderes in den Sinn kommen“:
Er schreibt: „Deine Worte habe ich mit echtem Interesse gelesen, sie haben mich zum Denken gebracht. Es ist mir immer ein Dorn im Auge, wenn Juden auf ihre Religion reduziert werden. Allerdings macht es hier viel Sinn. Mir fällt auch immer wieder was dazu auf, in dem Fall zur Frage, ob es sowas wie eine eigene deutsch-jüdische Kultur gab oder gibt. Dazu kann auch die Stele dienen: ein Spannungsfeld darzustellen, in dem innerhalb der Seele eines deutschen Juden kulturelle Elemente miteinander ringen. Mal weit auseinander, mal komplementär …“
Stephan Schlösser
(Gemeindemitglied St. Martinus in Olpe)
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