Ein Platz, an dem du einfach sein darfst
Jeden Nachmittag öffnet sich im Gemeindezentrum St. Martinus die Tür unserer OT. Durch diese Tür kommen Kinder und Jugendliche mit ganz unterschiedlichen Geschichten. Manche sind laut und fröhlich, andere kommen leise herein und beobachten erst einmal. Einige suchen das Gespräch, andere möchten Billard oder Kicker spielen, Musik hören oder einfach auf der Couch liegen.
Manchmal fragen wir: „Alles in Ordnung bei dir?“ Zunächst hören wir ein überzeugtes „Ja, klar!“. Doch etwas später, vielleicht bei einer Runde Billard, Kicker oder an der Theke, folgt vorsichtig: „Kann ich dir mal etwas erzählen?“ Solche Momente zeigen mir, wie wichtig Geduld ist. Vertrauen lässt sich nicht einfordern. Es wächst, wenn junge Menschen erleben: Da ist jemand, der bleibt, zuhört und mich ernst nimmt.
In der OT müssen Kinder und Jugendliche weder gute Noten vorweisen noch etwas Besonderes leisten. Sie brauchen keine Mitgliedschaft und müssen keiner bestimmten Religion oder Nationalität angehören. Hier dürfen sie zunächst einfach ankommen. Gerade in einer Welt, in der schon junge Menschen oft glauben, etwas leisten, darstellen oder beweisen zu müssen, ist das kostbar. Unsere Botschaft lautet: Du bist willkommen, weil du du bist.
Natürlich gibt es Regeln und Grenzen. Wo unterschiedliche Menschen zusammenkommen, entstehen Konflikte. Dann reden wir miteinander, setzen Grenzen und fordern Verantwortung ein. Dabei versuchen wir, nicht nur das Verhalten zu sehen, sondern auch den Menschen dahinter. Hinter Wut kann Enttäuschung stecken, hinter Rückzug Einsamkeit und hinter einer Provokation die Frage: „Siehst du mich überhaupt?“ Wir können nicht jedes Problem lösen. Aber wir können aufmerksam bleiben und zeigen: Du bist nicht allein.
Dabei erlebe ich täglich: Nicht nur Kinder und Jugendliche brauchen uns Erwachsene. Auch wir brauchen sie. Junge Menschen erinnern uns daran, neugierig zu bleiben. Sie stellen Fragen, hinterfragen Selbstverständlichkeiten und spüren sehr genau, ob wir etwas nur sagen oder wirklich meinen. Manchmal fordern sie unsere Geduld heraus und zeigen uns unsere Grenzen. Gerade dadurch können auch wir wachsen. Wir geben ihnen Orientierung und Halt; sie helfen uns, beweglich, ehrlich und hoffnungsvoll zu bleiben.
Für mich als muslimische Leiterin einer Einrichtung in katholischer Trägerschaft ist diese gegenseitige Bereicherung besonders wertvoll. Im Gemeindezentrum St. Martinus begegnen sich Menschen mit unterschiedlichen religiösen, kulturellen und persönlichen Hintergründen. Beim Spielen, Essen und Lachen zählt nicht, woher jemand kommt oder woran er glaubt, sondern wie wir miteinander umgehen: ob wir zuhören, helfen, teilen und niemanden ausschließen. Darin zeigt sich für mich Nächstenliebe ganz praktisch.
Und genau das erleben wir jedes Jahr auf der Muggelkirmes: Menschen unterschiedlichen Alters und mit ganz verschiedenen Geschichten kommen zusammen, begegnen sich, lachen miteinander und teilen für eine Weile denselben Ort. Auch dort entsteht Gemeinschaft, niemand wird ausgeschlossen oder muss am Rand stehen. Ich wünsche mir, dass wir dieses Gefühl über die Kirmes hinaus mitnehmen – in unsere Stadt, in unseren Alltag und in unsere OT:
Hier werde ich gesehen. Hier bin ich willkommen. Hier darf ich einfach sein.
Duygu Kücükbicakci
(Leitung der OT Olpe im Gemeindezentrum St. Martinus)
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