Allein … oder einsam?
Jede und jeder von uns kennt das, und doch kennt es jeder anders. Manche von uns sind allein, weil das Leben es so gefügt hat: weil ein geliebter Mensch gestorben ist, weil ein gemeinsamer Weg zu Ende ging, oder weil sich die große Begegnung nie ereignet hat. Manche haben das Alleinsein gewählt, als Teil ihrer Berufung. Und auch wer in Familie lebt, weiß: Man kann sich mitten unter Menschen allein fühlen.
Eine hilfreiche Unterscheidung sollte man sich dabei immer vor Augen führen: Alleinsein ist ein äußerer Zustand – Einsamkeit ist ein inneres Gefühl. Man kann viel allein sein, ohne einsam zu werden. Und man kann einsam sein in einem vollen Haus. Einsamkeit entsteht dort, wo die Verbundenheit fehlt, nach der wir uns sehnen.
Und noch etwas ist wichtig: Einsamkeit ist weder ein Makel noch ein Versagen. Sie ist ein Signal! Wie antworten wir darauf? Ich nenne ein paar Gedanken, ganz praktisch. Es hilft, dem Alleinsein eine Gestalt zu geben: feste kleine Rhythmen im Tag, ein Spaziergang zur gewohnten Zeit, das Gebet am Morgen, der Anruf am Sonntag. Es hilft, Beziehungen zu pflegen, bevor die Not groß ist. Und es hilft erstaunlich oft, gebraucht zu werden: Wer für andere da ist – und sei es in kleinen Diensten – erlebt sich als verbunden.
Dazu eine Ermunterung, die ich für besonders wichtig halte: Wir müssen nicht warten, bis andere sich melden. Viele von uns kennen diese stille Rechnung – „Wenn ich den anderen wichtig wäre, würden sie sich ja melden.” Aber die anderen führen oft genau dieselbe Rechnung, und so warten zwei Menschen aufeinander, die sich beide freuen würden. Und wir dürfen auch die zweite Sorge getrost hinterfragen: dass wir ungelegen kämen, dass wir stören würden. Die Erfahrung sagt etwas ganz anderes: Überraschend viele Menschen sind hocherfreut, wenn jemand unangekündigt anruft, eine Karte schreibt oder vor der Tür steht. Wir unterschätzen fast immer, wie willkommen wir sind. Der spontane Anruf, der kleine Besuch, das „Ich habe an dich gedacht” – das sind selten Störungen. Meistens sind es Geschenke. Trauen wir uns also, solche Geschenke zu machen.
Und der Glaube? Er nimmt uns das Alleinsein wohl nicht einfach ab – aber er verwandelt es. „Wende dich mir zu, denn ich bin einsam” – so betet schon der Psalmist. Wir dürfen unsere Einsamkeit also vor Gott bringen, unbeschönigt. Jesus selbst hat die Stille gesucht, in der Wüste, auf dem Berg – allein, und doch nicht verlassen. In seiner Nähe kann aus dem leeren Alleinsein eine bewohnte Stille werden: ein Ort, an dem mich einer sieht, auch wenn kein Mensch da ist.
Stefan H. Heuel UAC
(Rosenheim)
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