Gedanken zum Tag – 11. Oktober 2026 – 28. Sonntag im Jahreskreis

11. Okt. 2026

Allein … oder einsam?

Jede und jeder von uns kennt das, und doch kennt es jeder anders. Manche von uns sind allein, weil das Leben es so gefügt hat: weil ein geliebter Mensch gestorben ist, weil ein gemein­samer Weg zu Ende ging, oder weil sich die große Begeg­nung nie ereignet hat. Manche haben das Allein­sein gewählt, als Teil ihrer Beru­fung. Und auch wer in Familie lebt, weiß: Man kann sich mitten unter Menschen allein fühlen.

Eine hilf­reiche Unter­schei­dung sollte man sich dabei immer vor Augen führen: Allein­sein ist ein äußerer Zustand – Einsam­keit ist ein inneres Gefühl. Man kann viel allein sein, ohne einsam zu werden. Und man kann einsam sein in einem vollen Haus. Einsam­keit entsteht dort, wo die Verbun­den­heit fehlt, nach der wir uns sehnen.

Und noch etwas ist wichtig: Einsam­keit ist weder ein Makel noch ein Versagen. Sie ist ein Signal! Wie antworten wir darauf? Ich nenne ein paar Gedanken, ganz prak­tisch. Es hilft, dem Allein­sein eine Gestalt zu geben: feste kleine Rhythmen im Tag, ein Spazier­gang zur gewohnten Zeit, das Gebet am Morgen, der Anruf am Sonntag. Es hilft, Bezie­hungen zu pflegen, bevor die Not groß ist. Und es hilft erstaun­lich oft, gebraucht zu werden: Wer für andere da ist – und sei es in kleinen Diensten – erlebt sich als verbunden.

Dazu eine Ermun­te­rung, die ich für beson­ders wichtig halte: Wir müssen nicht warten, bis andere sich melden. Viele von uns kennen diese stille Rech­nung – „Wenn ich den anderen wichtig wäre, würden sie sich ja melden.” Aber die anderen führen oft genau dieselbe Rech­nung, und so warten zwei Menschen aufein­ander, die sich beide freuen würden. Und wir dürfen auch die zweite Sorge getrost hinter­fragen: dass wir unge­legen kämen, dass wir stören würden. Die Erfah­rung sagt etwas ganz anderes: Über­ra­schend viele Menschen sind hoch­er­freut, wenn jemand unan­ge­kün­digt anruft, eine Karte schreibt oder vor der Tür steht. Wir unter­schätzen fast immer, wie will­kommen wir sind. Der spon­tane Anruf, der kleine Besuch, das „Ich habe an dich gedacht” – das sind selten Störungen. Meis­tens sind es Geschenke. Trauen wir uns also, solche Geschenke zu machen.

Und der Glaube? Er nimmt uns das Allein­sein wohl nicht einfach ab – aber er verwan­delt es. „Wende dich mir zu, denn ich bin einsam” – so betet schon der Psal­mist. Wir dürfen unsere Einsam­keit also vor Gott bringen, unbe­schö­nigt. Jesus selbst hat die Stille gesucht, in der Wüste, auf dem Berg – allein, und doch nicht verlassen. In seiner Nähe kann aus dem leeren Allein­sein eine bewohnte Stille werden: ein Ort, an dem mich einer sieht, auch wenn kein Mensch da ist.

Stefan H. Heuel UAC
(Rosen­heim)

 

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