Gedanken zum Tag – 02. August 2026 – 18. Sonntag im Jahreskreis

2. Aug. 2026

Neue Gedenk-Stele am Kurkölner Platz

In der Sicht­achse zum ehema­ligen jüdi­schen Kauf­haus Lenne­berg steht seit Anfang Juli am Kurkölner Platz ein Kunst­werk. Bei der Einwei­hungs­feier hieß es: „ein Aufsehen erre­gendes Zeichen, ein wich­tiges Ausru­fe­zei­chen – modern, dyna­misch, unge­wöhn­lich und auffällig.“

Es handelt sich um eine von Schü­le­rinnen und Schü­lern (heute kürzt man das mit „SuS“ ab) geschaf­fene Stele. Ihre Erschaf­fung und Aufstel­lung ist der zweite Teil der Akti­vi­täten der Initia­tive „Jüdi­sches Erbe in Olpe“ – nach dem ersten Teil, der Stol­per­stein­ver­le­gung im Februar.

Die Stele fordert uns heraus: zu Diskus­sionen, zum Hinter­fragen, zum Befassen mit unserer Geschichte. Die SuS wollen mit ihr Inter­esse wecken und neugierig machen. Das ist ihnen gelungen.

Jeder Person, die sie sieht, wird beim Betrachten etwas anderes in den Sinn kommen, so, wie das halt bei abstrakten Kunst­werken ist. Ich möchte hier von meiner eigenen Wahr­neh­mung und Asso­zia­tion berichten – und bin mir darüber im Klaren, dass meine Sicht bei manchem Wider­spruch hervorruft.

Zwei aus Beton gestal­tete Stränge winden sich umein­ander, sind zwar mit zwei Streben verbunden, aber entwi­ckeln sich und streben in eigener Kraft nach oben. Gemeinsam ist ihr Ursprung, der runde Sockel.

Einige Schüler spra­chen von der Harmonie zweier neben­ein­ander bestehender „Kulturen“. Mir hat das nicht gefallen. Zu welcher „Kultur“ gehört ein deut­scher Jude? Zur deut­schen? Zur jüdi­schen? Kann man das trennen? Zu welcher Kultur gehören dann die Juden, die die deut­sche Kunst- und Geis­tes­ge­schichte von der Malerei über die Bild­hauerei bis hin zu Theater, Lite­ratur, Musik und Natur­wis­sen­schaft maßgeb­lich mitge­staltet haben? Ohne Google zu fragen fallen mir da spontan ein: der Dichter Hein­rich Heine, der Kompo­nist Felix Mendels­sohn-Bartholdy, der Drama­tiker und Schau­spieler Max Rein­hardt, die Filme­ma­cher Fritz Lang und Ernst Lubitsch, der Maler Max Lieber­mann, der Physiker Albert Einstein.

Viel schneller kam mir beim ersten Betrachten der Stele die Asso­zia­tion: Hier sehe ich zwei Reli­gionen, die einem gemein­samen Sockel, Ursprung, Grund entspringen. Nicht von unge­fähr spricht man ja von den „abra­ha­mi­ti­schen“ Reli­gionen Judentum, Chris­tentum und Islam. Alle drei mono­the­is­ti­schen Reli­gionen sehen ihren Urvater in der Person des Abraham/Ibrahim.

Der Begriff „Abra­ha­mi­ti­sche Reli­gionen“ ist umstritten. Man muss nur den Wiki­pedia-Artikel dazu lesen. Aber mir gefällt diese Vorstel­lung einer gemein­samen Wurzel: „Sei ein Mensch!“ lautet der Schriftzug auf dem Sockel. Daraus entsprin­gend: das gemein­same Streben auf je anderen Wegen nach oben, zu Gott.

Diesen Text habe ich einem befreun­deten Juden zu lesen gegeben und ihn um seine Sicht gebeten. Seine Antwort zeigt das, was ich oben beschrieben habe: Jeder und jedem „wird beim Betrachten der Stele etwas anderes in den Sinn kommen“:

Er schreibt: „Deine Worte habe ich mit echtem Inter­esse gelesen, sie haben mich zum Denken gebracht. Es ist mir immer ein Dorn im Auge, wenn Juden auf ihre Reli­gion redu­ziert werden. Aller­dings macht es hier viel Sinn. Mir fällt auch immer wieder was dazu auf, in dem Fall zur Frage, ob es sowas wie eine eigene deutsch-jüdi­sche Kultur gab oder gibt. Dazu kann auch die Stele dienen: ein Span­nungs­feld darzu­stellen, in dem inner­halb der Seele eines deut­schen Juden kultu­relle Elemente mitein­ander ringen. Mal weit ausein­ander, mal komplementär …“

Stephan Schlösser
(Gemein­de­mit­glied St. Martinus in Olpe)

 

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