Habt Mut, fürchtet Euch nicht
Warum erscheint ein Text über die Osterbotschaft in unserer Sommerausgabe? Weil die Zusage der Befreiung uns beständig in Bewegung setzt und als lebendiger Puls in unserem Alltag wirksam ist. Diese Hoffnung ist keine bloße Nostalgie, sondern ein aktiver Protest gegen jede Form von Unmenschlichkeit und Starre.
Von Prof. Dr. Wolfgang Werner
Alle, die mit der Vorbereitung der Osternachtfeier befasst sind, stoßen auf die liturgische Anweisung: „Die Lesung vom Durchzug durch das Rote Meer (Exodus 14) darf nie entfallen.“ Die Feier der Osternacht ist unauflöslich mit der Erinnerung Israels an Gottes Befreiungstat am Meer verbunden. Ostern begegnet im Horizont der Freiheitshoffnung Israels.
Da kann man zur Frage kommen, warum denn Gott, der sein Volk erfolgreich vor der ägyptischen Übermacht gerettet hat, nicht auch ein Herz für die Ägypter gehabt hat. Hätte seiner göttlichen Fantasie nichts anderes einfallen können, als die Ägypter zu töten? Die ägyptischen Streiter kamen aus Familien, hatten vielleicht selbst Frauen und Kinder.
Erzählerisch geht es auch um einen Kampf zwischen Gut und Böse. „Die gute Macht ist ‚JHWH‘ und mit ihm sein Volk … Die böse Macht geben ‚Pharao‘ und seine ägyptischen Untertanen.“[1] Ein Erzählschema also, wie es auch in Märchen begegnet: Auf Schneewittchens Hochzeit muss die böse Königin so lange in glühenden Eisenschuhen tanzen, bis sie tot umfällt. Für Empathie ist da kaum Raum.
Zwei kleine Erzählungen der späteren rabbinischen Überlieferung reflektieren, dass die biblische Erzählung für die Ägypter kein Mitgefühl aufkommen lässt:
- Als die Ägypter im Meer ertranken, begannen die Engel zu weinen.
- Als die ersten Ägypter vom Meer verschluckt wurden, löste das bei den Engeln im Himmel Freude aus. Sie fingen an, zu klatschen, zu tanzen und zu feiern. Gott schritt dagegen ein mit den Worten: „Meine Schöpfung, das Werk meiner Hände, ist im Meer versunken!“
Ein traumatisiertes Volk und seine Hoffnung
Die Exodus-Geschichte vom Werden Israels in Ägypten, von seiner Unterdrückung und Bedrohung, vom Auszug aus Ägypten und der wunderbaren Rettung am Schilfmeer, vom Zug durch die Wüste, von der Verpflichtung auf die Weisung Gottes am Sinai und von der Landnahme des verheißenen Landes prägen das Selbstverständnis Israels, das nach der Landnahme seinem Gott die Erstlinge der Ernte mit folgenden Worten opfern soll:
Mein Vater war ein heimatloser Aramäer.
Er zog nach Ägypten, lebte dort als Fremder mit wenigen Leuten und wurde dort zu einem großen, mächtigen und zahlreichen Volk.
Die Ägypter behandelten uns schlecht, machten uns rechtlos und legten uns harte Fronarbeit auf.
Wir schrien zum HERRN, dem Gott unserer Väter, und der HERR hörte unser Schreien und sah unsere Rechtlosigkeit, unsere Arbeitslast und unsere Bedrängnis.
Der HERR führte uns mit starker Hand und hoch erhobenem Arm, unter großem Schrecken, unter Zeichen und Wundern aus Ägypten, er brachte uns an diese Stätte und gab uns dieses Land, ein Land, wo Milch und Honig fließen.
Und siehe, nun bringe ich hier die ersten Erträge von den Früchten des Landes, das du mir gegeben hast, HERR.
Wenn du den Korb vor den HERRN, deinen Gott, gestellt hast, sollst du dich vor dem HERRN, deinem Gott, niederwerfen (Deuteronomium 26,5–10).
Wer sich mit den Augen eines Historikers die biblischen Geschichten von Israels Exodus aus Ägypten vornimmt, erhält ein enttäuschendes Ergebnis. Dass sich in Ägypten, fern der Heimat, aus zwölf Stämmen ein Volk bildet, ist mehr schriftstellerische Gestaltung als historische Wahrscheinlichkeit: Die Stämme der Jakobssöhne werden in eine gesamtisraelitische Perspektive gestellt. Ganz Israel wird unter gewaltigen Wundern aus Ägypten herausgeführt, durch Mose von seinem Gott auf dem Weg in der Wüste geleitet und von Josua in das verheißene Land geführt.
Die Versuche, ägyptische Anfänge historisch plausibel zu machen, bleiben schwach, denn Kanaan und Südsyrien waren lange unter ägyptischer Herrschaft und zwischen Israel/Juda und Ägypten gab es durchgängig wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen.
- In der Zeit von 1500–1200 v. Chr. fanden Asiaten häufiger in Ägypten freundliche Aufnahme, und die Ägypter haben selber ausländische Gefangene, Sklavinnen und Sklaven ins Land gebracht. Dazu gibt es hinreichend ägyptische Notizen.
- Weil nach Exodus 1,11 Israeliten am Bau der Städte Pitom und Ramses beteiligt waren, sieht man in Ramses II. , dessen Herrschaft 66 Jahre dauerte (1279/78 bis 1213 v. Chr.), den Pharao der Unterdrückung.
- Die Landnahmeüberlieferungen erzählen, dass die eindringenden Israeliten sich von der östlichen und südlichen Steppe dem „verheißenen Land“ näherten. Das spricht für Ägypten als Ausgangspunkt.
- Die Gestalt des Mose ist mit der Herausführung Israels aus Ägypten verbunden, und unbestritten ist der Name „Mose“ ägyptischer Herkunft. Der ägyptische Name „Tutmosis“ bedeutet zum Beispiel: „Dem Gott Thot geboren“. Beim biblischen „Mose“ wäre das Gotteselement weggefallen.
Vielleicht können wir uns die Anfänge der Überlieferung von der Befreiung Israels aus Ägypten so vorstellen: Unter den Stämmen und Gruppen, die später zum Volk Israel zusammenwachsen, gab es Menschen, die nach Ägypten zurückblicken, die geglückte Flucht einer kleinen Gruppe von Sklavinnen und Sklaven erinnern und darin eine von Gott herbeigeführte Befreiung erblicken.
Ein plausibleres Verständnis stellt sich ein, wenn die erzählte Zeit von den Anfängen in Ägypten mit dem Selbstverständnis derer gelesen wird, die der Exodusgeschichte die letzte Gestalt gegeben haben. Die blickten zurück auf das babylonische Exil. Die Großmacht Babylon hatte 587 v. Chr. das Ende des Staates Juda herbeigeführt und die Führungsschicht des Volkes nach Babylon verbannt. Gut hundert Jahre vorher, 722 v. Chr., hatten die Assyrer bereits das Nordreich Israel ausgelöscht. Immer war Israel in seiner Geschichte dem Druck von Ägypten und den Großmächten des Zweistromlandes ausgeliefert gewesen.
Der Perserkönig Kyros II. bringt Hoffnung: Die Nachkommen der nach Babylon verbrachten Judäer durften, so ein Edikt des Königs aus dem Jahr 538 v. Chr., wieder in die Heimat zurück. Damit verband sich die Erlaubnis, den Tempel in Jerusalem als persisches Reichsheiligtum wieder aufzubauen. Kyros ist der einzige in der Bibel erwähnte ausländische Herrscher, der Gottes Gesalbter (Messias) genannt wird, so Jesaja 45,1. Der erhoffte Neuanfang setzt nicht mit einem Sieg Israels ein, sondern beruht ganz und gar auf Gottes Initiative.
Verschiedene kollektive Erfahrungen kommen in der Exodusüberlieferung zusammen, werden zu einer gesamtisraelitischen Tradition und sind am Ende auch eine Erzählung von der Verfasstheit des Gottesvolkes:
- Der Exodus handelt von einer exklusiven Liebesgeschichte zwischen Gott und seinem Volk, die den „Monotheismus der Treue“ (Jan Assmann) begründet.
- Weil im Exodus Gott zum Gesetzgeber und König des Volkes wird, bindet sich die politische Macht unmittelbar an die Weisung (Tora) Gottes. Das ist ein revolutionärer Gegenentwurf zu den sakralen Königtümern Ägyptens oder Mesopotamiens, da die politische Macht unmittelbar an Gottes Gesetz (die Tora) gebunden wird.[2]
Pascha, Exodus und Ostern
Jesus wurde während eines Osterfestes der Prozess gemacht. Die synoptischen Evangelien Markus, Matthäus und Lukas berichten, dass Jesus am Festtag gekreuzigt wurde. Nach dem Paschamahl wurde Jesus im Garten Getsemani verhaftet und in einem ersten Prozess vor der jüdischen Autorität schuldig befunden. Da nur die römische Besatzungsmacht Todesurteile fällen durfte, kam es zum Prozess vor Pontius Pilatus, zum Todesurteil und zur Hinrichtung. In den synoptischen Evangelien verbindet Jesus das familiäre Paschamahl, das das Fest eröffnete, mit einem neuen Zeichen. Brot und Wein werden künftig seine Gemeinschaft in der Eucharistie zusammenführen.
Eine andere Datierung der Ereignisse nimmt das Johannesevangelium vor. Jesus stirbt dort am Tag vor dem Fest. Das letzte Mahl mit den Jüngern ist somit kein Paschamahl. Das ist keine Ungenauigkeit des Evangelisten, sondern Absicht. Die jüdischen Vertreter, die nach der Verhaftung den Prozess gegen Jesus beim römischen Statthalter Pilatus voranbringen wollten, weigerten sich, das Haus zu betreten, weil sie noch das Paschalamm essen wollten (Johannes 18,28). Jesus, das Lamm Gottes, stirbt am Kreuz zu der Zeit, in der im Tempel die Paschalämmer geschlachtet werden (Johannes 19,31–36). Anders als bei den Mitgekreuzigten werden Jesus die Beine nicht zerschlagen. Das erweist Jesus als das wahre Paschalamm (vgl. Ex 12,46). Schon am Anfang seines Evangeliums bekennt sich das Johannesevangelium zu Jesus, dem Lamm Gottes (Johannes 1,29.36).
Bei Johannes fehlt die Stiftung der christlichen Mahlfeier mit Brot und Wein. Sein Eucharistieverständnis entfaltet er in Reden und Auseinandersetzungen der „Brotrede“ (Johannes 6). Stattdessen wird erzählt, dass Jesus das Mahl unterbricht und seinen Jüngern die Füße wäscht. Eine einladende Handlung der Gastfreundschaft wird zu einem Zeichen, das christliche Existenz erhellt: Am Anfang der Erzählung vom letzten Mahl steht im Johannesevangelium der Satz: „Da er die Seinen liebte, die in der Welt waren, liebte er sie bis zur Vollendung.“ In der Gemeinde des Johannesevangeliums verstehen sich die Christen als Freundinnen und Freunde Jesu, denn sie sind von ihm geliebt. Diese Liebe ist stärker als der Tod. Das macht sie frei, seine einladende Gastfreundschaft lebendig werden zu lassen.
Der Evangelist Matthäus hat in seiner Vorgeschichte Anspielungen auf die Mosegeschichte. Wie das Leben des Mose ist das Leben Jesu von Anfang an bedroht. Bei Mose ist es der Befehl des Pharao, alle männlichen Neugeborenen zu töten (Exodus 1,22). Bei Jesus trifft der Tötungsbefehl des Königs Herodes alle Knaben bis zum Alter von zwei Jahren. Daraufhin flieht die Familie Jesu nach Ägypten. Die Rückkehr kommentiert Matthäus 2,15 mit einem Wort des Propheten Hosea: „Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.“ (Hosea 11,1) Das Prophetenwort sieht in dem Sohn Israel, Matthäus den durch die Flucht nach Ägypten geretteten Jesus.
Fürchtet euch nicht!
„Frei werden“, „Befreiung“, „Freiheit“ sind nicht einfach da, sondern müssen immer wieder realisiert und auch geschützt werden. Wer im vergangenen Jahr 2025 per Bahn die europäische Kulturhauptstadt Chemnitz besuchte, wurde seit Mitte Juni am Bahnhof mit einer Schrift in grellgelben Neonleuchtbuchstaben begrüßt: FÜRCHTET EUCH NICHT. Das ist eine Ermutigung, gestaltet vom Chemnitzer Künstlerduo DOPPELDENK — Andreas Glauch und Marcel Baer. Auch weniger Bibelfeste wissen: Gottesboten sagen das, Engel und Propheten, und Jesus auch. Und: Der Satz war ein Mutmacher der friedlichen Revolution von 1989.
Der Bahnhof einer Großstadt steht für modernes Leben. Menschen sind unterwegs, die sich nicht kennen, und die Bahnsteige wechseln, Fahrkurzbekanntschaften gehen wieder auseinander, wieder andere holen einen Besuch ab oder verabschieden ihn. Der Bahnhof ist Ankunftsort, vor allem Zwischenziel, um ein Ziel zu erreichen. Hektik, Ärger und Stress sind da, wo Verspätungen und Zugausfälle Reisepläne durchkreuzen.
Fürchtet euch nicht! Es geht nicht um frommes Geschwurbel, sondern um Ermutigung. Die Worte sind keine Lösung, aber der Anfang für Wege, die eine Lösung näherbringen. Für Christen gründet der Satz in der Osterhoffnung: Freiheit ist im Spiel — die eigene und die der anderen, die persönliche und die gesellschaftliche, die gewonnene und die verlorene. Fürchte euch nicht! Das Wort geht gegen Ängste der Vergangenheit, es geht in die Gegenwart und sorgt dafür, dass Hindernisse der Vergangenheit nicht als allzu übergroß überschätzt werden und immer wieder der Mut ausbricht, Schwierigkeiten und Konflikte anzugehen.
[1] Katrin Brockmöller, katholische Theologin und Bibelwissenschaftlerin
[2] Jan Assmann († 2024), deutscher Ägyptologe, Religions- und Kulturwissenschaftler