Das Kreuz mit dem Kreuz
(Gedanken zu Mt 16, 24–28 anlässlich der Messfeier am 07.08 2026 auf der Dörnschlade)
Wahrscheinlich kennen wir alle diese Erfahrung: Ein alter Mensch stirbt und man steht vor der Aufgabe, die Wohnung auszuräumen. Zwischen all den Erinnerungsstücken, Möbeln und Kartons hängt da ein schlichtes Holzkreuz an der Wand. Unsere Reaktion ist dann nicht selten oft direkt und unmissverständlich: „Kein Bedarf. Das brauchen wir nicht. Das wollen wir nicht.“ Nicht selten klingeln Menschen dann bei mir an der Tür und bieten mir das Kreuz vom verstorbenen Opa an. Bevor es auf dem Sperrmüll landet, nehme ich es an.
Diese Szene tut weh, wenn man in diesem Zusammenhang an den Glauben des Verstorbenen denkt. Und doch steckt in diesem Moment für mich eine tiefe, fast schon prophetische Wahrheit über die Nachfolge Jesu heute. Glauben und Nachfolge, aber auch das Kreuz, das jede und jeder von uns im Leben zu tragen hat, ist nichts, was man wie ein Möbelstück von einer Generation an die Nächste weiterreichen oder per Testament übertragen kann.
Wenn die Erben sagen „Das brauchen wir nicht“, ist das ja in den seltensten Fällen respektlos gemeint. Sie spüren vermutlich einfach nur eine ehrliche Ehrfurcht vor der Realität: Das war der Glaube von Oma oder Opa. Das war deren Leben, deren Trost, deren Halt. Aber es passt nicht einfach so in unser Leben.
Jesus hat nie gesagt: „Erbt einfach das Kreuz eurer verstorbenen Eltern und alles wird gut.“ Vielmehr sagt er uns im heutigen Evangelium: „Wer mir nachfolgen will, der nehme sein Kreuz auf sich“ – und nicht das Kreuz der anderen. Die Wahrheit heißt vielmehr: Jeder Mensch muss seinen eigenen Weg und seine eigene Sprache für den Glauben finden.
So gesehen ist es vielleicht gar kein Verlust, dass christliche Symbole heute nicht mehr wie selbstverständlich als Deko an den Wänden hängen. Wenn das Kreuz aus der bürgerlichen Wohnzimmerwand verschwindet, bedeutet das nicht automatisch, dass auch der Glaube tot ist.
Wenn die Erben das Holzkreuz abhängen und in die Kiste für den Flohmarkt legen, bleibt allerdings eine wichtige Frage: Was hat der Verstorbene uns wirklich hinterlassen? Wahrscheinlich nicht so sehr das Kreuz an der Wand, sondern die Spuren, die er oder sie im Leben der anderen hinterlassen hat: eine Geste der Güte, ein verzeihendes Wort, Geduld in schweren Zeiten, Zuversicht. Die Liebe, die ein Mensch gelebt hat, verstaubt nicht auf dem Dachboden und wird nicht entsorgt. Sie wirkt weiter.
So wird das verstaubte Kreuz vom verstorbenen Vater oder der Großmutter am Ende ein Weckruf. Es erinnert uns daran, dass der Glaube heute neu, echt und persönlich buchstabiert werden muss – nicht als geerbte Tradition an der Wand, sondern als gelebte Haltung mitten im Leben.
Norbert Cuypers SVD
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