Heute, am 25. April, feiert die Kirche das Fest des Evangelisten Markus. Ich weiß nicht, wie es Ihnen mit Festen von Heiligen aller Art geht, ob sie Ihnen gefallen oder nicht. Mir ist es häufig ein bisschen viel Fokus auf eine Einzelperson, von der ich oft nicht mal sicher bin, ob sie so, wie beschrieben und gefeiert, überhaupt gelebt hat. Beim Evangelisten Markus geht es mir jedenfalls so. Da dachte ich, statt Markus könnte doch heute sein Evangelium im Vordergrund stehen, welches wir alle kennen und schätzen.
Auch das Evangelium des heutigen Tages stammt aus dem Markusevangelium, es werden die letzten Verse [Mk 16,15–20] gelesen, welche Jesu letzte Worte an die Jüngerinnen und Jünger sind, bevor er in den Himmel auffährt. Friede, Freude, Eierkuchen also. Karfreitag und Karsamstag sind fast schon vergessen, der Ostermorgen geprägt vom Triumphgefühl und den erzählten Erscheinungen klingt nach, wenn Jesus seinen Jüngern in einer Art letzten Erscheinung sagt: „Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium der ganzen Schöpfug!“ [Mk 16,15] Ein Ende wie aus dem Bilderbuch. Der Glaube hat gesiegt, Jesus glorreich über Leid und Tod triumphiert, seine Jünger und Jüngerinnen enthusiastisch, motiviert und bereit, der ganzen Welt ihren Glauben mit Freude zu verkünden.
Aber der Autor des Markusevangeliums hatte sich das eigentlich anders gedacht. Die letzten Verse, aus denen auch das heutige Tagesevangelium entnommen ist, sind ein späterer Anhang, eine Ergänzung späterer Autoren. Ursprünglich endete das Evangelium mit den folgenden Versen in Mk 16, 8: „Da verließen sie [die Frauen, die das leere Grab entdeckten] das Grab und flohen; denn Schrecken und Angst hatte sie gepackt. Und sie sagten niemandem etwas davon; denn sie fürchteten sich.“ Das klingt völlig anders. Angst statt Osterfreude, Schrecken statt Triumphgefühl, Flucht statt Weltmission, Schweigen statt Verkündigung. Zunächst wirkt dieses Ende sicher befremdlich. Aber vielleicht können wir uns gerade heute in diese Situation besonders gut hineinversetzen. Wie erging es Ihnen denn an Ostern und jetzt, den Tagen danach? War und ist Ihnen nach Jubel zumuten? Haben Sie das Gefühl Leid und Tod sind besiegt?
Dieses Ende, welches der Evangelist ursprünglich vorgesehen hatte, gibt diesen Gefühlen einen Raum. Wir sind erschreckt, haben Angst, nicht alles Verschwindet im Angesicht des leeren Grabes. Die Furcht bleibt – trotz Ostermorgen. Und das ist vollkommen in Ordnung so. Vielleicht kann gerade dieses Wissen helfen, die eigene Angst, Furcht und Verzweiflung angesichts der globalen Krise nicht verschweigen zu wollen, nicht kleinzureden und nicht einem unauthentischen Osterjubel nachzujagen.
Und keine Sorge, der Osterjubel wird kommen. Da ist sich auch Markus sicher. Er kommt nicht unmittelbar sofort, er kommt nicht automatisch, er wischt nicht alles weg was vorher war und ist. Er kommt hinein in unseren Alltag, wird sich Bahnen brechen, wird unsere Herzen erreichen und erfüllen. Er braucht Zeit, er braucht unsere eigenen helfenden Hände, ihn zu unseren Mitmenschen zu bringen. Markus drückt das aus, indem er diese Osterfreude nicht beschreibt, sondern sie seinen Leserinnen und Lesern überlässt. Er schickt sie nach dem Lesen seines Evangeliums, welches in Furcht endet, wieder zurück in ihren Alltag. Er überlässt es jedem und jeder Einzelnen, den eigenen Alltag, das eigene Leben anzuschauen und zu erkunden, ob die Osterbotschaft Spuren hinterlässt. Was bedeutet uns der Ostermorgen? Wozu motiviert mich diese Botschaft? Lasse ich sie meinen Alltag verändern und prägen? Und schließlich, werde ich zum Boten dieser Osternachricht und verkünde anstelle der Frauen, die vor Angst und Verzweiflung verstummt sind, in meinem angstvollen Alltag diese Botschaft anderen?
Bei Markus braucht es keinen fanatischen Osterjubel, es braucht einzig winzige Funken, kleine Zeichen der Osterbotschaft im eigenen, angstvollen und herausfordernden Alltag. Für uns selbst und für andere.
Annika Zöll



