Gedanken zum Tag — 02. November — Allerseelen

Vermut­lich wurde jeder schon mal damit konfron­tiert, von einem lieben Menschen Abschied nehmen zu müssen. Menschen sind nicht darauf ausge­legt, sich mit Tod und Trauer zu beschäf­tigen. Wir leben im hier und jetzt. Doch zur Verar­bei­tung ist es wichtig, sich mit erlebten Schick­sals­schlägen ausein­ander zu setzen. Ein Gedenktag wie Aller­seelen lädt dazu ein.

Ursprüng­lich geht der Gedenktag Aller­seelen auf den Abt Odilo von Cluny zurück. Er führte 998 n.Chr. diesen Gedenktag ein, um für die armen Seelen Verstor­bener zu beten, die sich im Fege­feuer befinden, einer Art Zwischen­zu­stand und Ort der Reini­gung und Läute­rung. Durch Gebet, Fürbitte, Almosen und Fried­hofs­gänge sollten die lebenden Menschen den verstor­benen Seelen helfen, diesen Zustand zu über­winden und ihnen so den Aufstieg in das Himmel­reich ermöglichen.

Im Laufe der Jahre entwi­ckelten sich unter­schied­lichste Tradi­tionen und Bräuche:
Tradi­tio­nell werden die Gräber von Ange­hö­rigen geschmückt und kleine Lichter ange­zündet, soge­nannte „Seelen­lichter“. Die Gräber werden von Pries­tern gesegnet und in Mess­feiern werden die Namen der im vergan­genen Jahr verstor­benen Menschen vorgelesen.

Vieler­orts werden süße Zopf­ge­bäcke geba­cken, soge­nannte „Toten­brote“, da es in vorchrist­li­cher Zeit üblich war, Speisen und Getränke an die Gräber der Verstor­benen zu bringen. Auf den Abt von Cluny geht der Brauch zurück, Brot und Wein an Bedürf­tige zu geben. Oder auch an reichere Leute, die im Gegenzug dazu ange­halten wurden, für die Verstor­benen zu beten.

Vieler­orts erbet­telten arme Kinder den soge­nannten „Aller­see­len­ku­chen“. Die Vermu­tung liegt nahe, dass dieser Brauch über irische Auswan­derer nach Amerika gelangte und zum Heische­brauch von Hallo­ween wurden.

Seit je her war Aller­seelen für die Menschen gleichsam mit Mystik und Aber­glauben verbunden. So hielt sich die Vorstel­lung, dass Verstor­bene als Geister an diesen Tagen umher­wan­dern. Beson­ders intensiv ist dieser Glaube in Mexiko veran­kert, der besagt, dass einmal im Jahr die Toten zurück auf die Erde kommen, um vereint mit den Lebenden das große Wieder­sehen ausgiebig zu feiern. Musik und gutes Essen sind dabei nur ein Teil der weit­rei­chenden Fest­lich­keiten dieses freu­digen Anlasses.

Selbst Menschen, die den Tradi­tionen nicht folgen, werden spätes­tens beim Einkaufen im Super­markt auf die tradi­tio­nellen Gestecke und Grab­lichter aufmerksam. In den Zeitungen wie auch in zahl­rei­chen Online-Medien wird das Thema Tod und Trauer thema­ti­siert. Die Radio­sender spielen ruhi­gere Musik und das Fern­sehen sendet passende Beiträge.

Auch wenn wir den Tod am liebsten aus unserem Leben verdrängen würden, so ist es doch wichtig, sich mit ihm ausein­ander zu setzen. Denn was lässt das eigene Leben besser leben als das Bewusst­sein der eigenen Endlich­keit. Es lohnt sich, die Frage zu stellen: „Was würde ich tun, wenn heute mein letzter Tag wäre? Für was inves­tiere ich meine Lebens­zeit? Was ist wesent­lich? Um wen trauere ich?“

Es heißt nicht umsonst ALLER-Seelen. Es geht nicht darum, etwas geleistet zu haben oder beson­ders gutmensch­lich zu sein. Es geht schlicht um jede einzelne Seele… mit allen Wesens­arten, Beson­der­heiten, Ecken und Kanten. Denn jeder Mensch ist einzig­artig und unersetzbar.

Und, ja, es lohnt sich, die Toten zu ehren und sich gleichsam der eigenen Sterb­lich­keit und dem eigenen Leben bewusst zu werden: „Carpe Diem“ – Nutze den Tag.

Ihre Daniela Jung
(Bestat­ter­meis­terin — Bestat­tungs­haus Maiworm)

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