Gedanken zum Tag – 27. April 2020, Montag der dritten Osterwoche

27. Apr. 2020

Liebe Lese­rinnen und Leser,

der heilige Stephanus hat kein Blatt vor den Mund genommen, wie es so schön heißt. Stephanus? Haben wir schon wieder den 2. Weih­nachts­fei­ertag? Nein, natür­lich nicht. Aber heute und am morgigen Dienstag hören wir in den Tages­le­sungen (Apg 6, 8–15 bzw. Apg 7, 51–8,1a) von diesem bekannten Heiligen, Diakon und Märtyrer.

Ein lieber Pries­ter­kol­lege von mir, Pfr. i.R. Hans-Rudolf Piet­zonka aus dem Pasto­ralen Raum „Südli­ches Sieger­land“, hat am 26. Dezember 2011 in einer E‑Mail über Stephanus geschrieben:

„Er war ein Mann der ersten Stunde, gebildet, rede­ge­wandt, ohne Scheu vor Konflikten. Er nimmt kein Blatt vor den Mund. Was seine Gegner tun, ist bis heute unver­än­dert: Wer keine Argu­mente hat, greift zur Gewalt. Man stei­nigt Stephanus. Stephanus sah den Himmel offen, heißt es in der Apos­tel­ge­schichte. Das bedeutet: Er erfuhr die tiefe stär­kende Gewiss­heit, dass da mehr ist als der Schmerz der Stunde, dass da etwas alle Grenzen über­steigt, etwas, das nicht zerstört werden kann. Die Kraft Gottes. Gebe Gott, dass alle Opfer von Hass und Terror etwas davon in ihren einsamen letzten Minuten erfahren haben. Gebe Gott, dass alle, die Schweres durch­ma­chen, weil z.B. ein lieber Mensch schlimm krank ist, etwas von dieser Kraft erfahren, die sie nicht zwei­feln lässt. Gegen solche schweren Steine und die vielen kleinen Stein­splitter des Alltags, die kleinen, spitzen, scharf­kan­tigen Stein­chen, gezielte Worte, Verach­tung, süffi­sante Ironie, Geschwätz – gegen all das steht Stephanus. Und er steht für alle, die ihren Glauben bekennen, die vom Ewigen reden, von Gott, von Jesus Christus, ob man es hören will oder nicht. Dann werfen die, die ohne Himmel alles regeln wollen, auch mit Steinen um sich. Trotzdem reden wir von Gott. Von der Hoff­nung, die unser Begreifen über­steigt. Immer wieder. Mit Selbst­be­wusst­sein, Mut und Wider­spruch, mit eigenen Schwä­chen und mit Lebens­lust. Mit beiden Beinen auf dem Boden und dem Vertrauen auf die Kraft von Oben, die den Rücken stärkt.“

Ab heute gilt die Pflicht, im öffent­li­chen Raum einen Mund- und Nasen­schutz zu tragen. Die Maske erschwert es mir, die Mimik meines Gegen­übers zu erkennen und zu entschlüs­seln. Über Stephanus heißt es in der Apos­tel­ge­schichte: er hatte das Gesicht eines Engels (Apg 6, 15). Das bedeutet: Stephanus erfährt die Nähe Gottes und sagt die Wahr­heit. Wir müssen hinter unseren Masken ja nicht gleich ein engel­glei­ches Gesicht machen, aber ein freund­lich-öster­li­ches Lächeln wäre so verkehrt nicht.

Pace e bene
Michael Kammradt

 

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