Liebe Leserinnen und Leser,
der heilige Stephanus hat kein Blatt vor den Mund genommen, wie es so schön heißt. Stephanus? Haben wir schon wieder den 2. Weihnachtsfeiertag? Nein, natürlich nicht. Aber heute und am morgigen Dienstag hören wir in den Tageslesungen (Apg 6, 8–15 bzw. Apg 7, 51–8,1a) von diesem bekannten Heiligen, Diakon und Märtyrer.
Ein lieber Priesterkollege von mir, Pfr. i.R. Hans-Rudolf Pietzonka aus dem Pastoralen Raum „Südliches Siegerland“, hat am 26. Dezember 2011 in einer E‑Mail über Stephanus geschrieben:
„Er war ein Mann der ersten Stunde, gebildet, redegewandt, ohne Scheu vor Konflikten. Er nimmt kein Blatt vor den Mund. Was seine Gegner tun, ist bis heute unverändert: Wer keine Argumente hat, greift zur Gewalt. Man steinigt Stephanus. Stephanus sah den Himmel offen, heißt es in der Apostelgeschichte. Das bedeutet: Er erfuhr die tiefe stärkende Gewissheit, dass da mehr ist als der Schmerz der Stunde, dass da etwas alle Grenzen übersteigt, etwas, das nicht zerstört werden kann. Die Kraft Gottes. Gebe Gott, dass alle Opfer von Hass und Terror etwas davon in ihren einsamen letzten Minuten erfahren haben. Gebe Gott, dass alle, die Schweres durchmachen, weil z.B. ein lieber Mensch schlimm krank ist, etwas von dieser Kraft erfahren, die sie nicht zweifeln lässt. Gegen solche schweren Steine und die vielen kleinen Steinsplitter des Alltags, die kleinen, spitzen, scharfkantigen Steinchen, gezielte Worte, Verachtung, süffisante Ironie, Geschwätz – gegen all das steht Stephanus. Und er steht für alle, die ihren Glauben bekennen, die vom Ewigen reden, von Gott, von Jesus Christus, ob man es hören will oder nicht. Dann werfen die, die ohne Himmel alles regeln wollen, auch mit Steinen um sich. Trotzdem reden wir von Gott. Von der Hoffnung, die unser Begreifen übersteigt. Immer wieder. Mit Selbstbewusstsein, Mut und Widerspruch, mit eigenen Schwächen und mit Lebenslust. Mit beiden Beinen auf dem Boden und dem Vertrauen auf die Kraft von Oben, die den Rücken stärkt.“
Ab heute gilt die Pflicht, im öffentlichen Raum einen Mund- und Nasenschutz zu tragen. Die Maske erschwert es mir, die Mimik meines Gegenübers zu erkennen und zu entschlüsseln. Über Stephanus heißt es in der Apostelgeschichte: er hatte das Gesicht eines Engels (Apg 6, 15). Das bedeutet: Stephanus erfährt die Nähe Gottes und sagt die Wahrheit. Wir müssen hinter unseren Masken ja nicht gleich ein engelgleiches Gesicht machen, aber ein freundlich-österliches Lächeln wäre so verkehrt nicht.
Pace e bene
Michael Kammradt



