Gedanken zum Tag – 30. August 2026 – 22. Sonntag im Jahreskreis

30. Aug. 2026

Das Kreuz mit dem Kreuz

(Gedanken zu Mt 16, 24–28 anläss­lich der Mess­feier am 07.08 2026 auf der Dörnschlade)

Wahr­schein­lich kennen wir alle diese Erfah­rung: Ein alter Mensch stirbt und man steht vor der Aufgabe, die Wohnung auszu­räumen. Zwischen all den Erin­ne­rungs­stü­cken, Möbeln und Kartons hängt da ein schlichtes Holz­kreuz an der Wand. Unsere Reak­tion ist dann nicht selten oft direkt und unmiss­ver­ständ­lich: „Kein Bedarf. Das brau­chen wir nicht. Das wollen wir nicht.“ Nicht selten klin­geln Menschen dann bei mir an der Tür und bieten mir das Kreuz vom verstor­benen Opa an. Bevor es auf dem Sperr­müll landet, nehme ich es an.

Diese Szene tut weh, wenn man in diesem Zusam­men­hang an den Glauben des Verstor­benen denkt. Und doch steckt in diesem Moment für mich eine tiefe, fast schon prophe­ti­sche Wahr­heit über die Nach­folge Jesu heute. Glauben und Nach­folge, aber auch das Kreuz, das jede und jeder von uns im Leben zu tragen hat, ist nichts, was man wie ein Möbel­stück von einer Gene­ra­tion an die Nächste weiter­rei­chen oder per Testa­ment über­tragen kann.

Wenn die Erben sagen „Das brau­chen wir nicht“, ist das ja in den seltensten Fällen respektlos gemeint. Sie spüren vermut­lich einfach nur eine ehrliche Ehrfurcht vor der Realität: Das war der Glaube von Oma oder Opa. Das war deren Leben, deren Trost, deren Halt. Aber es passt nicht einfach so in unser Leben.

Jesus hat nie gesagt: „Erbt einfach das Kreuz eurer verstor­benen Eltern und alles wird gut.“ Viel­mehr sagt er uns im heutigen Evan­ge­lium: „Wer mir nach­folgen will, der nehme sein Kreuz auf sich“ – und nicht das Kreuz der anderen. Die Wahr­heit heißt viel­mehr: Jeder Mensch muss seinen eigenen Weg und seine eigene Sprache für den Glauben finden.

So gesehen ist es viel­leicht gar kein Verlust, dass christ­liche Symbole heute nicht mehr wie selbst­ver­ständ­lich als Deko an den Wänden hängen. Wenn das Kreuz aus der bürger­li­chen Wohn­zim­mer­wand verschwindet, bedeutet das nicht auto­ma­tisch, dass auch der Glaube tot ist.

Wenn die Erben das Holz­kreuz abhängen und in die Kiste für den Floh­markt legen, bleibt aller­dings eine wich­tige Frage: Was hat der Verstor­bene uns wirk­lich hinter­lassen? Wahr­schein­lich nicht so sehr das Kreuz an der Wand, sondern die Spuren, die er oder sie im Leben der anderen hinter­lassen hat: eine Geste der Güte, ein verzei­hendes Wort, Geduld in schweren Zeiten, Zuver­sicht. Die Liebe, die ein Mensch gelebt hat, verstaubt nicht auf dem Dach­boden und wird nicht entsorgt. Sie wirkt weiter.

So wird das verstaubte Kreuz vom verstor­benen Vater oder der Groß­mutter am Ende ein Weckruf. Es erin­nert uns daran, dass der Glaube heute neu, echt und persön­lich buch­sta­biert werden muss – nicht als geerbte Tradi­tion an der Wand, sondern als gelebte Haltung mitten im Leben.

Norbert Cuypers SVD

 

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