Wald­ka­pelle Hünkesohl

In stiller Waldeseinsamkeit

Seit vielen Jahr­hun­derten wird in Drol­s­hagen die Gottes­mutter beson­ders verehrt, viele Kapellen im Kirch­spiel sind ihr geweiht. So liegt es nahe, dass auch die Wald­ka­pelle im Hünke­sohl der Mari­en­ver­eh­rung dient. Doch wie entstand diese Gebets- und Wallfahrtsstätte?

Am 26. Januar 1861 wurde in Drol­s­hagen Therese Berg geboren. Viel ist über ihr Leben nicht bekannt. Als Berges Thres, oder auch als Dillen Thres (Dillen war ein Unter­schei­dungs­name der Fami­lien Berg) war sie den Drol­s­ha­genern bekannt. Den Über­lie­fe­rungen nach lebte sie unter ärmli­chen Verhält­nissen, in der heutigen Brück­straße. Drol­s­hagen war zu der Zeit land­wirt­schaft­lich geprägt, die Indus­trie hatte noch keinen Einzug gefunden, man lebte über­wie­gend von der kargen Land­wirt­schaft. Daher kann man vermuten, dass Therese Berg unter ärmli­chen Bedin­gungen ihr Leben verbrachte. Brenn­holz zu besorgen galt sicher als eine fast lebens­not­wen­dige regel­mä­ßige Arbeit, der auch sie nach­kommen musste. So führte sie diese Arbeit auch ins Hünke­sohl, einer Talmulde unter­halb des Steu­pingen. Wie die Über­lie­fe­rung berichtet, fand sie dort, im Jahr 1909, ein kleines zerknit­tertes Mari­en­bild­chen, welches sie aufhob und mit einer Haar­nadel an einen Baum heftete. Das dieses Bild­chen und dieser Baum einmal zur Wurzel reli­giösen Lebens im Drol­s­ha­gener Land werden sollte, konnte sie nicht ahnen.

Hier schuf Berges Thres ihre eigene kleine Andachts­stätte, welche sie nun regel­mäßig aufsuchte, zuerst allein, später auch mit Drol­s­ha­gener Kindern. Eines Tages tauschte sie das Mari­en­bild­chen, es war wohl zerfallen, gegen eine Mutter­got­tes­statue. Es war eine Darstel­lung der Gottes­mutter von Fatima — der erste Mari­en­altar war entstanden. Dieses geschah alles noch vor dem ersten Weltkrieg.

Dieser ursprüng­lich einsame Ort der Mutter­got­tes­ver­eh­rung wurde immer mehr zu einer Gebets- und Wall­fahrts­stätte der Drol­s­ha­gener. Den Kindern vermit­telte sie auf ihrer Art die Bege­ben­heiten aus der Heiligen Schrift.

Einem Augen­zeugen nach, besser gesagt einem Ohren­zeugen, hörte sich eine solche Bibel­stunde wie folgt an: “Dei Düwel schiam­mete sik nit, ouk den Herr­guatt te Fall te brengen. Hei schlie­pete ian op äinen hougen Biarg un saggte iamme dann: Alles, watt du do ungen sühs, kriste van mi, wann du op de Knai gäihs un mik anbiatts!” Aufge­regt unter­bre­chen die lauschenden Kinder den fesselnden Bericht der Tante Thres und fragen unver­mit­telt: “Dä hei et dann?” Thres antwor­tete mit Bestimmt­heit: “Hei schäit emme wat!”

Schwer erkrankt wurde Therese Berg 1929 als fast 68-jährige ins Kran­ken­haus einge­lie­fert. Dort verstirbt sie am 24. Februar 1929. Ihr stilles, frommes Tun, das nicht nur für die neugie­rigen Augen der Mitmen­schen bestimmt war, erregt durch die Kinder schließ­lich doch deren Aufmerk­sam­keit und macht Geschichte.

August Bone, geb. am 30. September 1893, gelobte in der Hölle des 1. Welt­krieges, wenn er gesund aus diesem Inferno heraus­käme, die einfache Anlage im Hünke­sohl auszu­bauen und zu pflegen. Er kam wieder, baute auf und pflegte die Anlage über Jahr­zehnte liebe­voll. 1919 errich­tete er gemeinsam mit frei­wil­ligen Helfern (Dorns­eifer, Kick, Harnisch­ma­cher, Schlösser, Berg u.a.m.) aus Birken­stämmen ein kleines Kapell­chen mit einem Stroh­dach. Terras­sen­för­mige Anlagen wurden geschaffen und ein kleiner Teich ange­legt. Die Wanderer und Pilger wurden durch ein Schild begrüßt: “In stiller Waldes­ein­sam­keit sei gegrüßt Maria”. Einfache Holz­bänke luden unter den großen Fichten zum Beten und Verweilen ein.

Im Jahr 1934 wurde die Mari­en­statue durch eine Reli­ef­tafel mit der Darstel­lung der “Mater ter admi­ra­bilis” (Dreimal wunder­bare Mutter) nach dem Schönstatter Vorbild aufgestellt.

Beson­ders während des ersten und des zweiten Welt­krieges pilgerten viele Frauen und Mütter hinauf ins Hünke­sohl zur Maria um darum zu bitten, dass der Sohn und der Mann heil aus dem Kriege zurück­kehren. Täglich standen neue Blumen und auch Kerzen vor der Mutter­gottes, die kleine Kapelle blieb nie, wie Therese befürchtet hatte, ohne Beter. Auch wurde die Gottes­mutter aus erfreu­li­chen Anlässen aufge­sucht, wie zum Beispiel bei einer Hoch­zeit; häufig wurde der Braut­strauß zu Ehren Marias hierher gebracht.

Es mehrten sich die Dank­sa­gungen, die teils auf Papier aufge­schrieben, teils in Marmor graviert von den Betern an die Innen­wand der kleinen Wald­ka­pelle geheftet oder aufge­stellt wurden — bis zum heutigen Tage.

August Bone verstarb am 8. September 1961. Doch für einen Nach­folger war schon lange vorher gesorgt. Johannes-August Wagner (allen älteren Drol­s­ha­genern als Wagners Hansi besser bekannt), geb. am 6. Januar 1928, half schon seit seiner Kind­heit August Bone, seinem Paten­onkel, bei der Pflege der Anlage. So ergab sich ein flie­ßender Über­gang bei der Betreuung der Anlage.

Das maria­ni­sche Jahr 1954 brachte eine erheb­liche Verän­de­rung mit sich. Der dama­lige Pfarrer Aloys Becker über­legte mit der Spitze der Amts­ver­wal­tung Drol­s­hagen, was geschehen könnte, um einen dauernden Ausbau in Hünke­sohl vorzunehmen.

Die Stadt­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung von Drol­s­hagen befasste sich ebenso mit dem Problem wie der Kirchen­vor­stand von St. Clemens. Die Kapelle war zu klein und durch die Witte­rungs­ver­hält­nisse brüchig und morsch geworden. Es sollte unter Wahrung des Baum­be­standes eine neue feste Kapelle gebaut werden. Diese Aufgabe wurde durch die Kolpings­fa­milie in Angriff genommen, feder­füh­rend durch den Zimmer­meister Hubert Wigger aus Hützemert. Er entwarf den Neubau nach dem Vorbild russi­scher Block­häuser, welche er in seiner Solda­ten­zeit an der Ostfront gesehen hatte. Nachdem er ausge­suchte Fich­ten­stämme im Säge­gatter vorbe­reitet hatte, wurden die Stämme Lage für Lage aufein­ander gelegt und verblattet. Die Über­stände der Vorder- und Seiten­an­sichten konnten somit besser herge­stellt werden.

Die fertige Konstruk­tion stand somit bis zur endgül­tigen Verzim­me­rung auf dem Firmen­ge­lände in Hützemert. Nachdem das Funda­ment und das Sockel­mau­er­werk im Hünke­sohl durch Josef Willmes und Fritz Thie­meier (beide Altkol­ping) fertig gestellt war, wurde der Rohbaus in Hützemert demon­tiert und mit Hilfe der Kolpings­fa­milie an den endgül­tigen Standort gebracht und fertig aufge­stellt. Eine kleine Glocke, gestiftet von Josef Heuel, wurde zuerst in einer Fichte montiert, später in dem Dach­reiter der Kapelle.

Zum Himmel­fahrtstag am 27. Mai 1954 war die neue Wald­ka­pelle fertig. Trotz des schlechten Wetters pilgerten an diesem Tage Hunderte von Menschen zu der neuen Gnaden­ka­pelle. Die Konse­kra­tion des neuen Altars wurde zum Höhe­punkt des Maria­ni­schen Jahres im Drol­s­ha­gener Land, so auch Pastor Aloys Becker bei seiner Begrü­ßungs­an­sprache. Das Drol­s­ha­gener Land, so der Pastor, sei Mari­en­land. Die Fest­an­sprache hielt der Diöze­san­präses der Katho­li­schen Arbeiter- und Männer­be­we­gung (KAB) Prälat Geist­li­cher Rat Dr. Schulte, denn die große Männer­wall­fahrt der KAB des Bezirkes kam zum Hünkesohl.

Das stille Heiligtum Mariens, weitab vom Verkehr und Lärm der Straße, roman­tisch gelegen, hat aus diesem verträumten Wald­winkel des Hünke­sohl ein belebtes Plätz­chen Erde gemacht. Längst ist der Ort der Beschau­lich­keit und Einsam­keit der ersten Tage entrissen, denn zu keiner Tages­stunde mehr ist das Bildnis Mariens verlassen. Der Glaube der Erhö­rung durch die Gottes­mutter in den viel­fa­chen Anliegen der Zeit findet Ausdruck in dem mehr als 50 Votiv­ta­feln, die inzwi­schen hier ange­bracht wurden. So hat Therese Berg, die gläu­bige und getreue Beterin von Hünke­sohl den Grund­stock für eine leben­dige Andachts­stätte geschaffen.

So vergingen die Jahre bis zur Nacht vom 13. auf den 14. Juni 2003. Hünke­sohl wurde von Vandalen heim­ge­sucht. Unbe­kannte zerstörten mutwillig den Altar, die Reli­ef­tafel mit der Darstel­lung der “Mater ter admi­ra­bilis”, Kerzen­ständer, Bänke und vieles mehr. Die Polizei konnte die Täter nicht ermitteln.

Dank viel­fäl­tiger finan­zi­eller Hilfen konnte die Kolpings­fa­milie und der St. Clemens Schüt­zen­verein den Wieder­aufbau in Angriff nehmen. Durch das uner­war­tete hohe Spen­den­auf­kommen war man sogar in der Lage die Kapelle insge­samt zu renovieren.

Die Einwei­hung fand am 1. Mai 2004 statt.

Der mitt­ler­weile 76-jährige Hans Wagner wurde an diesem Datum von Willi Stachel­scheid in der Verant­wor­tung für Hünke­sohl abge­löst. Wagners Hansi verstarb am 12. August 2010.

Zehn Jahre lang betreute Willi Stachel­scheid die Wall­fahrts­ka­pelle in der Nach­folge von August Bone und Hansi Wagner.

Zum 1. Mai 2013 über­nahmen die Mitglieder der Drol­s­ha­gener Kolping­fa­milie die Verant­wor­tung für die Pflege und Erhal­tung dieser nun mehr als 100 Jahre bestehenden Gebets- und Andachtsstätte.

Ouellen: Josef Hesse (Geschichte des Kirch­spiels und Klos­ters Drol­s­hagen), Hubert Wigger,
Rund­blick (5. Mai 2000, 11. März 2005), Der Dom (5. Dezember 2010)
Rein­hold Kühr
Früh­jahr 2014

Fotos: Felix Stahl­hacke, Dominik Wigger, Ulrike Wagner, Heinz Stachel­scheid, Rein­hold Kühr