Gedanken zum Tag — 31. Oktober 2021, 31. Sonntag im Jahreskreis

31. Okt. 2021

Liebe Lese­rinnen, liebe Leser,

wenn zwei Menschen sich verlieben, zuein­ander finden, ist das etwas ganz Beson­deres. Mit einer Trauung wird diese Bezie­hung bekräf­tigt. Ändert sich dadurch etwas für das Paar? In meinen Augen eher wenig bis gar nicht. Der Alltag, der nach dieser roman­ti­schen, fest­li­chen Zere­monie irgend­wann wieder einkehrt, ist derselbe wie vorher. Nach der Hoch­zeit mit meinem Mann 2016 sagte ein junges Eltern­paar zu mir genau das. Dass sich mit der Hoch­zeit die Bezie­hung nicht so sehr verän­dert. Die Verän­de­rung kommt, wenn Kinder ins Leben kommen. Sie kommen in ein Leben, wo es für den anderen nur den Partner gab und stellen dieses komplett auf den Kopf.

Diese Erfah­rung durften mein Mann und ich zum ersten Mal 2018 machen, als unser Sohn zur Welt kam. Wir verän­derten uns. Wir waren nicht mehr einfach nur Frau und Mann, sondern Mama und Papa. Nicht mehr zu zweit, sondern zu dritt. Nicht mehr nur ein Paar, sondern eine kleine Familie. Zeit für Zwei­sam­keit? In den ersten Lebens­wo­chen und ‑monaten des Babys kaum möglich. Die Bedürf­nisse des neuen Erden­bür­gers standen vor den eigenen oder denen des Part­ners im Vorder­grund. Und ansonsten blieb auch alles andere erstmal liegen: Abwasch, Wäsche­berge usw. Je größer unser Sohn aber wurde, je mehr Entwick­lungs­sprünge er machte, je mehr und schneller die Zeit verging — in meinen Augen viel zu schnell — desto mehr Zeit konnten wir auch nur als Paar verbringen.

Im Januar dieses Jahres erblickte unsere kleine Tochter das Licht der Welt. Wieder alles auf Anfang. Nur — wie ich finde — extremer. Da ist das kleine Baby mit seinen Bedürf­nissen, die im wahrsten Sinne des Wortes gestillt werden möchten, der große Bruder, der eben auch Bedürf­nisse hat und diese erfüllt haben möchte, zum ersten Mal aber so richtig zu spüren bekommt, dass er zurück­ste­cken muss — ja, und der Partner ist es ja irgendwie schon gewöhnt. Paar­zeit? Die rückte erstmal wieder in weite Ferne. Zeit für mich? Noch weiter. Der Fokus liegt auf dem neuge­bo­renen Baby und dem großen Bruder, der sich zunächst auch an die neue Situa­tion gewöhnen muss. Mehr als ich oder mein Mann. Aber auch das wird sich mit der Zeit entspannen, wenn sich alles einge­spielt hat. So ist es tatsäch­lich. Alles hat und alles braucht eben seine Zeit.

Aber Moment, wie heißt es denn nochmal im heutigen Sonn­tags­evan­ge­lium? „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (Mk 12,31). Span­nend, wenn man diese anfäng­liche Verschie­bung von Bedürf­nissen betrachtet. Die Nächs­ten­liebe setzt Selbst­liebe voraus. Das sehe ich im Hinblick auf das Fami­li­en­leben als große Heraus­for­de­rung. Haupt­sache, den Kindern geht es gut, dachte ich immer. Aber: Den Kindern geht es gut, wenn es auch mir gut geht. Bei allem Fami­li­en­chaos und bei allen Bedürf­nissen, die jeder kleine und große Mensch hat, ist es wichtig, sich nicht selbst zu verlieren, sondern auch auf die eigenen Bedürf­nisse zu schauen und diese auch zur Sprache zu bringen und einzufordern.

Das hört sich jetzt ja alles ziem­lich stressig und nicht erstre­bens­wert an, wird hier jetzt viel­leicht der eine oder andere denken. Stressig ist das Fami­li­en­leben, ja. Aber nicht immer. Ich gebe zu, diese Gedanken habe ich formu­liert, während meine kleine Tochter unterm Tisch krab­belte, mir an den Beinen zog und mich dann fragend mit ihren großen Kuller­augen anguckte. Aber sie brachte mich viel­leicht auch auf diese Gedanken. Und erstre­bens­wert? Auf jeden Fall! Denn Kinder ermög­li­chen einen Perspek­tiv­wechsel. Ich lerne durch sie, die Welt mit ihren Augen zu sehen, den so genannten Ernst des Lebens zu vergessen, selbst wieder zum Kind zu werden. Ich suche nach Antworten auf Fragen, die ich mir selbst viel­leicht nicht gestellt hätte. Ich albere mit ihnen rum und mache mich zum Affen, sogar sehr gerne, wenn ich die Kleinen so zum Lachen bringen kann.

Die lieben Kleinen stellen von jetzt auf gleich unser Leben auf den Kopf — sie machen es bunter und fröhlicher.

Laura Neuhaus
(Gemein­de­mit­glied aus Olpe)

 

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