Liebe Leserinnen, liebe Leser,
wenn zwei Menschen sich verlieben, zueinander finden, ist das etwas ganz Besonderes. Mit einer Trauung wird diese Beziehung bekräftigt. Ändert sich dadurch etwas für das Paar? In meinen Augen eher wenig bis gar nicht. Der Alltag, der nach dieser romantischen, festlichen Zeremonie irgendwann wieder einkehrt, ist derselbe wie vorher. Nach der Hochzeit mit meinem Mann 2016 sagte ein junges Elternpaar zu mir genau das. Dass sich mit der Hochzeit die Beziehung nicht so sehr verändert. Die Veränderung kommt, wenn Kinder ins Leben kommen. Sie kommen in ein Leben, wo es für den anderen nur den Partner gab und stellen dieses komplett auf den Kopf.
Diese Erfahrung durften mein Mann und ich zum ersten Mal 2018 machen, als unser Sohn zur Welt kam. Wir veränderten uns. Wir waren nicht mehr einfach nur Frau und Mann, sondern Mama und Papa. Nicht mehr zu zweit, sondern zu dritt. Nicht mehr nur ein Paar, sondern eine kleine Familie. Zeit für Zweisamkeit? In den ersten Lebenswochen und ‑monaten des Babys kaum möglich. Die Bedürfnisse des neuen Erdenbürgers standen vor den eigenen oder denen des Partners im Vordergrund. Und ansonsten blieb auch alles andere erstmal liegen: Abwasch, Wäscheberge usw. Je größer unser Sohn aber wurde, je mehr Entwicklungssprünge er machte, je mehr und schneller die Zeit verging — in meinen Augen viel zu schnell — desto mehr Zeit konnten wir auch nur als Paar verbringen.
Im Januar dieses Jahres erblickte unsere kleine Tochter das Licht der Welt. Wieder alles auf Anfang. Nur — wie ich finde — extremer. Da ist das kleine Baby mit seinen Bedürfnissen, die im wahrsten Sinne des Wortes gestillt werden möchten, der große Bruder, der eben auch Bedürfnisse hat und diese erfüllt haben möchte, zum ersten Mal aber so richtig zu spüren bekommt, dass er zurückstecken muss — ja, und der Partner ist es ja irgendwie schon gewöhnt. Paarzeit? Die rückte erstmal wieder in weite Ferne. Zeit für mich? Noch weiter. Der Fokus liegt auf dem neugeborenen Baby und dem großen Bruder, der sich zunächst auch an die neue Situation gewöhnen muss. Mehr als ich oder mein Mann. Aber auch das wird sich mit der Zeit entspannen, wenn sich alles eingespielt hat. So ist es tatsächlich. Alles hat und alles braucht eben seine Zeit.
Aber Moment, wie heißt es denn nochmal im heutigen Sonntagsevangelium? „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (Mk 12,31). Spannend, wenn man diese anfängliche Verschiebung von Bedürfnissen betrachtet. Die Nächstenliebe setzt Selbstliebe voraus. Das sehe ich im Hinblick auf das Familienleben als große Herausforderung. Hauptsache, den Kindern geht es gut, dachte ich immer. Aber: Den Kindern geht es gut, wenn es auch mir gut geht. Bei allem Familienchaos und bei allen Bedürfnissen, die jeder kleine und große Mensch hat, ist es wichtig, sich nicht selbst zu verlieren, sondern auch auf die eigenen Bedürfnisse zu schauen und diese auch zur Sprache zu bringen und einzufordern.
Das hört sich jetzt ja alles ziemlich stressig und nicht erstrebenswert an, wird hier jetzt vielleicht der eine oder andere denken. Stressig ist das Familienleben, ja. Aber nicht immer. Ich gebe zu, diese Gedanken habe ich formuliert, während meine kleine Tochter unterm Tisch krabbelte, mir an den Beinen zog und mich dann fragend mit ihren großen Kulleraugen anguckte. Aber sie brachte mich vielleicht auch auf diese Gedanken. Und erstrebenswert? Auf jeden Fall! Denn Kinder ermöglichen einen Perspektivwechsel. Ich lerne durch sie, die Welt mit ihren Augen zu sehen, den so genannten Ernst des Lebens zu vergessen, selbst wieder zum Kind zu werden. Ich suche nach Antworten auf Fragen, die ich mir selbst vielleicht nicht gestellt hätte. Ich albere mit ihnen rum und mache mich zum Affen, sogar sehr gerne, wenn ich die Kleinen so zum Lachen bringen kann.
Die lieben Kleinen stellen von jetzt auf gleich unser Leben auf den Kopf — sie machen es bunter und fröhlicher.
Laura Neuhaus
(Gemeindemitglied aus Olpe)



