Die Tränen Gottes
(“Jesus weinte.” (Joh 11,35))
Als Krankenhausseelsorger verbringe ich oft Zeit an den Betten von schwer kranken oder sterbenden Menschen. In solchen Momenten sitze ich häufig schweigend neben Angehörigen, die sich hilflos fühlen, ganz ähnlich wie Marta und Maria angesichts der Krankheit und des Todes ihres Bruders Lazarus.
Das Evangelium dieses 5. Fastensonntags rückt genau diese zutiefst menschliche Ausnahmesituation in das Zentrum der Erzählung.
Bevor Jesus das Wunder der Auferweckung vollbringt, geschieht psychologisch und theologisch etwas Entscheidendes: Er sieht die weinenden Menschen, lässt sich von ihrem Schmerz erschüttern und weint mit ihnen. Er vertröstet die trauernden Schwestern nicht mit frommen Phrasen oder schnellen Antworten. Der Sohn Gottes hält den Schmerz aus und teilt ihn.
In der Klinik erlebe ich täglich, dass echter Trost selten durch rationale Erklärungen für das Leid entsteht, sondern durch jemanden, der die Ohnmacht und die Stille gemeinsam mit den Betroffenen aushält.
Gott steht unserem Leid nicht distanziert gegenüber, sondern geht in der Passionszeit selbst in die tiefste Finsternis hinein. Aus dieser Erzählung lassen sich konkrete Impulse für den eigenen Alltag ziehen:
Tränen zulassen: Trauer und Verzweiflung sind keine Schwäche, sondern eine ehrliche Antwort auf den Schmerz, die selbst Jesus nicht fremd war.
Gemeinschaft suchen: Trost entsteht dort, wo Menschen am Grab des anderen stehen und einander im Leid nicht alleine lassen.
Steine wegwälzen: Jesus fordert die Umstehenden auf, den schweren Stein vom Grab wegzutun, um dem Leben wieder Raum zu geben.
Vielleicht spüren auch Sie in diesen Tagen einen schweren Stein der Sorge auf Ihrer Seele liegen. Sie dürfen darauf vertrauen, dass Christus an Ihrer Seite steht, Ihre Tränen sieht und am Ende stets das Leben für Sie will.
Christoph Lange
(Krankenhauspfarrer)
Veranstaltungshinweis des GzT-Teams:
Wir weisen auf die Ausstellung und Vorträge zum Thema “Suizid” der Notfallseelsorge des Kreises Olpe hin. Üner dieses Thema kann man sich sicher auch “Gedanken” machen. Einzelheiten finden sie in dem Bericht unter “Nachrichten” auf der Homepage des pastoralen Raumes Olpe-Drolshagen.
Noch ein Hinweis in eigener Sache:
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